Reinhard, mein Mann, mein „Mausebär“ ist vor einem Monat gestorben. Er ist friedlich im Hospiz eingeschlafen, ohne Schmerzen, eine Stunde, bevor ich normalerweise an seinem Bett gesessen hätte. Er ist gestorben, wie er gelebt hat: mit einem Lächeln. „Er hat uns alle mit seinem Lächeln bezaubert“, hat eine Hospiz-Mitarbeiterin gesagt.
Reinhard, oder Reini, wie ich ihn genannt habe – er hat erst nach zehn Jahren Ehe aufgehört, sich gegen diese liebevolle Abkürzung seines Namens zu wehren – hat alle Unbillen des Lebens mit einem Lächeln genommen, er hat jedes Problem weggelächelt.
So habe ich eine Erkenntnis gewonnen:
Der größte Vorteil eines Menschen ist gleichzeitig sein größter Nachteil.
Diese Fähigkeit, Schwierigkeiten wegzulächeln, ja, sie sogar regelrecht vergessen zu können, war Reinis positivste Charakter-Eigenschaft, die ihn manchmal allerdings auch in Schwierigkeiten gebracht hat, weil er ein Problem einfach vergessen hat, statt es zu lösen. Wir haben uns nur zweimal während unserer Ehe gestritten, genau deshalb. Man konnte einfach nicht mit ihm streiten.
Schon als er wirklich sehr krank war, hat er gesagt: „Mir geht es gut. Besser als all unseren Freunden“. Und als fast gar nichts mehr ging, hat er immer noch „gut“ herausgebracht, wenn der Arzt ihn fragte, wie es ihm gehe. Da konnte er nicht mehr sprechen, nicht mehr essen, nicht mehr denken und weder laufen noch stehen. Er hatte einen Herzschrittmacher, mehrere Stents, einen künstlichen Darmausgang, trug einen Urinkatheder, hatte einen TIA, einen Schlaganfall, und zum Schluss zerfraß der Krebs sogar noch sein Gehirn. Da waren sein Diabetes und seine Spinalkanalstenose, wegen der er seit zwölf Jahren nur noch mit Hilfe ein paar Schritte gehen konnte, die geringsten Probleme.
„Ich sehe ihn noch vor mir, wie er in seinem Sessel gesessen und gelächelt hat, mit diesem Lächeln werde ich ihn in Erinnerung behalten“, hat der Palliativ-Arzt gesagt.
„Ich auch“, wollte ich spontan sagen. Denn das war es, was ich die letzten Jahre gesehen habe, einen lächelnden Mann in seinem Sessel.
Ich habe es nicht gesagt. Weil ich da, ein paar Tage nach seinem Tod, schon ahnte, dass es nicht das Lächeln dieses todkranken Mannes ist, an das ich mich erinnern möchte. Ich habe fünf Jahre lang, Tag für Tag zusehen müssen, wie dieser großartige Mensch Stück für Stück gestorben ist. Fünf Jahre, in denen ich stumm Abschied genommen habe von einem, der nie geklagt hat.
Jeden Tag, spielt mir mein Computer Fotos von unserem Leben vor, ganz ohne mein Zutun. Und es sind Fotos eines verdammt glücklichen Lebens. Nicht nur die Bilder von unseren Reisen, sondern auch Schnappschüsse aus unserem ganz normalen Alltag zeigen mir das, woran ich mich wirklich erinnern will. An ein Leben voller Liebe, Zuneigung und Fürsorge füreinander. An die Wärme, die ich spürte, wenn ich nach Hause kam, an die Freude in seinem Gesicht, wenn er mich sah. Ich will mich an diesen eloquenten, gebildeten, hochintelligenten Mann erinnern, der mein Leben mit seinem Humor, seinem Charme und seiner Gelassenheit so bereichert hat.
Es sind die kleinen Momente des Glücks, an die ich mich erinnern will. Wie er morgens zusammen mit seinem schwarzen Kater auf der Brücke über unserem Teich gestanden und die Fische gefüttert hat. Wer hatte wohl mehr Spaß, der Kater oder mein Mann? Wie wir im strömenden Regen unter dem Restaurantschirm sitzen geblieben sind und einfach noch eine Flasche Wein bestellt haben. Wie wir uns morgens um fünf mit dem Cart auf dem leeren Golfplatz im Schlamm auf die Seite gelegt haben. Wie wir im Mai nach Einbruch der Dunkelheit einen Arm Flieder klauen gegangen sind. Wie er mit einer Spaghettikelle die Spülung im Hotelbad repariert hat. Wie wir uns morgens um zwei betrunken beim Scrabble darüber stritten, ob es das Wort Rüdin wirklich gibt. Wie er akribisch zwei Kilo Erbsen gepalt hat und dann die Erbsen in den Mülleimer warf und mir stolz die Schalen hinstellte. Wie wir jeden Abend am Esstisch gesessen, Wein getrunken und oft die halbe Nacht über Gott und die Welt diskutiert haben. Wir konnten reden ohne Ende. Es gab so viele kleine Glücksmoment – und unsere Fähigkeit, den Augenblick zu genießen und uns unseres Glücks bewusst zu sein – hat die dreiunddreißig Jahre, die ich mit ihm verbringen durfte, zu der besten Zeit meines Lebens gemacht. Sie vergingen wie ein einziger Tag.
Als er noch lächelnd in seinem Sessel saß, habe ich gedacht, dass ich es nicht ertragen würde, die alten Fotos zu sehen, seine Sachen wegzugeben oder an Plätze zu gehen, wo wir viele glückliche Stunden gemeinsam verbracht haben. Ich wollte so schnell wie möglich wegziehen, bloß kein Mausoleum.
Wie ich mich geirrt habe! Ich schaue mir die Fotos an und ich lächle. Ich erinnere mich an jeden einzelnen Moment. Die Bilder machen mich glücklich.
Ich entsorge seine Sachen und lächle. Was für einen Mist mein Mann gebunkert hat. Schon bei unserem ersten Umzug habe ich gerufen: Ich wollte einen Mann und kein Eichhörnchen heiraten!
Ich fahre am Hospiz vorbei und lächle. So wie er. Aber es ist kein trauriges Lächeln, tief in meinem Bauch habe ich ein ganz warmes Gefühl, genauso, wie ich es fühle, wenn ich diesen Sessel anschaue, den seine Katze Schnickschnack jetzt als ihren reklamiert.
Ich gehe in „unsere“ Restaurants und fühle mich nicht allein. Hier sind Menschen, die nicht nur mich sehen, sondern uns gekannt haben.
Jetzt weiß ich, dass man glücklich trauern kann. Ich bin dankbar dafür, dass ich in meinem Leben das Glück hatte, den für mich richtigen Mann zu treffen. Es ist die Zufriedenheit über ein gelungenes Leben zu zweit, die mich erfüllt. Unser gemeinsames Leben ist jetzt zu Ende, nächste Woche werde ich meinen Mausebär beerdigen. Es soll eine fröhliche Beerdigung werden. Es wird keine Reden geben, dieser Mann war viel zu groß, um in eine Rede zu passen.
Und dann beginnt für mich ein neues Leben – mein drittes Leben. Ich freue mich darauf.