Berlin, ach Berlin: Neues aus Schilda

Schon gehört? Pilotprojekt „Pedelec-Spur“: Die Radspuren sollen von der Lindenthaler und Argentinischen Allee auf die Straße verlegt, der Verkehr einspurig daran vorbei geleitet werden. Ziel ist es, dass Radfahrer sich in Zukunft überholen können und man so mehr Pendler mit dem Pedelec zu U- und S-Bahnhöfen lockt.  Stadtplanungsträumerei oder beschlossene Sache?

Ich wohne in der Lindenthaler Allee, sitze also in der ersten Reihe. Mehrmals  in der Woche blicke ich auf Stau: immer, wenn etwas auf der Avus passiert. Wäre die  Straße einspurig, niemand würde sie als Ausweichroute wählen. Aber wo halten Taxis, Krankenwagen, Busse, Paketdienste, Umzugswagen? Hätten wir dann nicht immer Stau?

Die SPD-Krumme Lanke lud zu einem Infoabend. Außer einer Notiz im Tagesspiegel im Juni 2016 hatte man bisher nichts über so ein Projekt gehört. Der im Verkehrssenat zuständige Referatsleiter Horst Wohlfahrt von Alm stellte vor: Pedelec-Korridor im Südwestraum Berlins.

Zunächst brauche man sichere Pedelec-Parkhäuser, denn im Moment trauten sich nur wenige, die teuren Fahrräder auf der Straße abzuschließen. Danach ging der Referent auf die Planungen der Fahrradrouten ein. Kurz: Der Autoverkehr soll einspurig werden, 35 % der Parkplätze werden wegfallen.

Warum gerade diese beiden Hauptverkehrsstraßen, die doch bereits mit einem Fahrradweg ausgestattet sind? Weil der Fahrradeweg nur einen Meter breit sei und dort die Pedelec-Fahrer die langsameren Radfahrer nicht überholen könnten. Deshalb seien jetzt zwei Meter für Radwege vorgeschrieben. Der Bürgersteig könne nicht verkleinert werden, denn dafür seien vier Meter vorgeschrieben, damit zwei Rollstuhlfahrer aneinander vorbeifahren können. Also alternativlos. Ach ja, das Wort ist ja von einer anderen Partei besetzt.

Und was soll der Spaß kosten? Das konnte oder wollte der Referent nicht beziffern. Aber 90 % der Finanzierung wären bereits über irgendwelche Programme finanziert. EU-Mittel. Klar, die bezahlen wir Steuerzahler ja nicht mit. Beschlossen? Im Prinzip ja. Jetzt sei der Bezirk zuständig. Die BVV ist nach zwei Jahren Planung bereits vor vier Wochen darüber informiert worden. Die Frau, die im Bezirk an dem Projekt schon länger hinter verschlossenen Türen werkelt, sei übrigens die gleiche, die das Chaos mit dem Hundeauslauf am Schlachtensee verbrochen habe. Andere Partei, versteht sich.

Und so stellt sich der Senatsmensch das Berlin der Zukunft vor: Es gäbe heute schon immer weniger Autos, die Jugend sei zu Fuß, mit dem Rad oder den Öffentlichen unterwegs, wer ein Auto braucht, pumpt sich eins an den Carsharing-Stationen.

Faktenscheck 1: Die vorgeschriebene Breite für Radwege beträgt 1,50 Meter, 2,50 Meter für den Bürgersteig.

Faktenscheck 2: Wir hatten 2014 in Berlin 1,34 Millionen zugelassene Kraftfahrzeuge,  30% mehr als zur Jahrtausendwende. In Zehlendorf kommen 426 Pkw auf 1000 Einwohner und 809 Fahrräder. Statistisch gesehen hat jeder Haushalt hier ein Auto und zwei Fahrräder. Der ADAC erklärt die Zunahme der Pkw mit dem demografischen Wandel. Senioren bleiben mit einem Pkw länger mobil. In Zeiten einer alternden Bevölkerung steigen Pflegebedarf und die Anlieferung von Waren, so dass das Dienstleistungsgewerbe an dem Pkw-Anstieg wesentlich beteiligt ist. Zehlendorf ist eine Gemeinde mit einem hohen Altersdurchschnitt.

Faktenscheck 3: Ich habe nachgemessen. Der Radweg in der Lindenthaler Allee ist 1,59 breit. Er wird von einem 75 cm breiten, ungemähten Unkrautstreifen vom Gehweg abgegrenzt, der als Hundescheiße-Auffangstation und Lieferant von Schlammspuren im Hausflur dient. Der Gehweg ist 3,75 breit. Will man also nach Vorgabe der Senatsverwaltung die Radspur auf zwei Meter verbreitern, würde sich diese Schmutzschleuder, die nicht nur für Gehbehinderte und Rollatorfahrer ein Albtraum ist, anbieten. Sogar die alten Blutbuchen kann man umfahren, wenn man dafür die linke Grasnarbe nutzt.

Offene Fragen: Steigt ein Pedelec-Fahrer auf den ÖPNV um oder fährt er direkt zur Arbeit? Wenn es so ein großes Bedürfnis nach öffentlichem Nahverkehr im Umland gibt,  warum verkehren dann die Busse nicht häufiger? Vielleicht weil es keinen Bedarf gibt? Im Berliner Umland kommen auf 1000 Einwohner 537 PKW. Brauchen wir statt breiteren Pedelec-Spuren und -Parkhäusern nicht vielleicht mehr Kfz-Parkflächen in unseren Zentren, damit diese auch für die ältere Bevölkerung leichter erreichbar sind? Und warum argumentiert der Senat mit falschen Zahlen?

 

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