Sterntaler: Ganz und gar nicht grimmig

Es war einmal ein Krimi, der von vielen, vielen Verlagen abgelehnt worden war. Nachdem er dreizehn Jahre in den dunkelsten Tiefen einer Schublade versteckt gewesen war, barg die Autorin das Manuskript, pustete den Staub und die Spinnenweben von den Seiten und brachte es bei amazon ans Licht der Welt. Innerhalb von drei Monaten überschütteten die Leser den Krimi mit ganz vielen Sternen, ja der Roman bekam innerhalb von drei Monaten von den Lesern mehr Sterne verliehen, als Stephen Kings „es“ in fünfzehn Jahren.  Das jedenfalls sagte ein Leser in einem Kommentar zu einer 1-Stern-Rezension. Die Autorin, wie alle Autoren ein sensibles Seelchen, freute sich jeden Tag über die vielen Sterne, aber ab und an nagte der Ärger an ihren Eingeweiden. Denn natürlich  gab es auch 1-Stern-Rezensionen, auf die die Autorin am liebsten eine pampige Antwort geschrieben hätte. Wohl gemerkt, nicht auf alle 1-Stern-Rezensionen, denn dass Menschen unterschiedliche Geschmäcker haben und es auch Leser geben muss, die ihr Buch nicht gut fanden, war von vorneherein klar. Natürlich gab sie keine pampigen Antworten bei amazon,  das machten schon andere Leser für sie. Aber wenn es dann einen Kommentar gab von der Güteklasse: „Viele Grammatikfehler, nach 6 % wußte ich bereits wer der Mörder ist“, dann juckten der Autorin schon mal die Fingerchen. Am liebsten würde sie dann schreiben: „Wenn du richtig gut wärst, dann hättest du bereits auf Seite 2 gewusst, wer der Mörder ist.“ Und: „Komisch, dass ich mich ein ganzes Leben lang von meiner falschen Grammatik ernähren konnte.“  Aber die Autorin schwieg. Genauso wie sie seit zwei Wochen zu zwei anderen Themen schwieg.

Eines davon war der Besuch von Stephan Maus vom Magazin „Stern“ in Berlin. Die Autorin hatte sich ja bisher nicht nur von ihrer falschen Grammatik ernährt, sondern auch vom professionellen Umgang mit Medien und Journalisten. Sehr schnell merkte sie, dass es ein großer Unterschied ist , ob man PR für Tomaten oder Eier macht oder für sich selbst. Das, was jahrzehntelang täglich Brot war, machte die Autorin plötzlich nicht nur nervös, sondern geradezu panisch. Man weiß ja, dass der Stern eine gewisse Häme braucht. Würde er sie in die Pfanne hauen? Das Pseudonym lüften? Und dann wollten die auch noch ein Foto. Noch vor zehn Jahren hätte das die Autorin panisch gemacht. Jetzt, mit fast 60 Jahren, lässt sie sich sogar gern fotografieren. Aber erkennen sollte man sie bitte nicht. Das war die Bedingung. Man stelle sich vor, die kleine Gans von Autorin stellt dem großen Stern Bedingungen. Als PR-Frau hätte ich meinen Eiern und Tomaten davon dringend abgeraten. Ist sie paranoid, fragte sich der Redakteur.

Kaffee oder Tee? Kaffee. Das ließ die Autorin schon mal entspannter dem Treffen entgegen sehen. Kaffeetrinker sind unkomplizierter. Und dann war es endlich soweit. Stephan Maus stand in der Tür. Ein sympathischer junger Mann. Er will Filterkaffee, keinen Cappuccino. Vielleicht doch nicht mehr ganz so jung, wie er aussieht. Er stellt genau die Fragen, die die Autorin auch gestellt hätte. Auf die sie ihre Tomaten und Eierproduzenten (nein, nicht die Hühner!) vorher vorbereitet hätte. Quarkkeulchen? Er hat nicht ein einziges Quarkkeulchen gegessen. Die sind nämlich vor lauter Begeisterung im Magen der Autorin und ihres Mannes gelandet. Gegen aufgeregt sein hilft essen. Man nimmt zu in Nullkommanichts vor Aufregung. Der arme Kerl, dachte die Autorin beim Abschied. Ein stundenlanger Mitschnitt und dann noch eine Kladde voll von Anmerkungen. Das muss man erstmal sortieren. Die Autorin ist Berlinerin. Die reden ja bekanntlich ohne Punkt und Komma. Der Fotograf Michael Danner kommt eine Stunde später als bestellt, der Arme stand im Stau. In Berlin steht man immer irgendwo im Stau. Der stellte dann nochmal die gleichen Fragen wie Stephan Maus. Er kriegte auch Quarkkeulchen. Michael Danner wollte eigentlich im Garten fotografieren, oder im Park oder im Wald. Draußen ward inzwischen stockfinstere Nacht. Es muss eine Laterne her. Michael Danner hatte ganz bestimmte Vorstellungen. Wir zogen uns also an, in unserem Garten brannte kein Licht, im Park nebenan auch nicht, die alte Amisiedlung um die Ecke soll es jetzt richten. Die Autorin versankt mit den 5 cm-Absätzen im Morast, eine Anwohnerin fragte, ob das ein Foto für die Weihnachtskarte werden soll und empfahl den Tannenbaumverkauf gegenüber. Da wäre auch Licht. Der Ehemann hielt die Taschenlampe und einen warmen Schal, der dem Fotografen farblich nicht so zusagte. Gucken nach rechts, gucken nach links, die Autorin war Jahrzehntelang mit Fotografen in Deutschland unterwegs, aber da ging es um Schweine und Kühe, um Vorstandsvorsitzende, Bundeskanzler und Minister. Nicht um sie. Komisches Gefühl. Als die 5 cm-Veloursleder-Absätze endgültig ruiniert waren, ging es nochmal heim zu Kaffee und Quarkkeulchen.
„Haben Sie nicht was Rotes?“ Die Autorin hat. Sie soll sich in den alten Librarychair setzten. Die Autorin will eigentlich nur die Pfeife ihres Mannes weglegen. „Rauchen Sie auch Pfeife?“ Die Autorin raucht auch Pfeife, jedes Mal, wenn sie ihrem Mann beim Autofahren eine ansteckt. Sechs Stunden hat das alles gedauert.
Und dann hieß es Warten. Kein anderes Interview geben. Auch der Stern stellte eine Bedingung. Wieviel Häme würde in dem Artikel drin sein? Würde er überhaupt erscheinen? Wie groß würde er werden? Fast hatte die Autorin vergessen, wie es war, wenn man am Morgen nach einer Presseaktion mit zitternden Knien zum Zeitungsladen läuft. Wie es war, wenn man noch in der Tür die Zeitungern auseinanderfleddert. Aber damals, als die Autorin noch PR-Managerin war, da gab es noch keine Vorschauen im Internet. Und so saß sie am Mittwochabend vor dem Computer und schlug den Stern auf. Das Inhaltsvereichnis war so klein, dass man es nicht lesen konnte. Schade, dass niemand ein Foto davon gemacht hat. Die Autorin und ihr Ehemann sitzen sich an zwei Schreibtischen gegenüber, jeder einen Bildschirm vor der Nase.  Beide putzten ihre Brillen, beide wühlten in ihren Schubladen. Wo war denn nur die Lupe? Und dann saßen sie mit der Lupe vor dem Bildschirm, die Autorin machte Screenshots und versuchte sie zu vergrößern. Oh wie gemein – man konnte nichts erkennen, weder mit Lupe noch auf einem auf 400 % vergrößerten Screenshot. Die Autorin und ihr Mann schauten sich an und dann fingen beide an, schallend zu lachen. Wie man sich erblöden kann!
Die Nacht danach: Seit fünf Uhr morgens liegt man wach in Berlin-Zehlendorf. An Schlaf ist nicht mehr zu denken. Um sechs macht die Autorin Kaffee. Filterkaffee natürlich. Facebook, Post, Ranking checken, um sieben geht es unter die Dusche. „Schatz, was meinst du, ab wann die den Stern an der Tanke haben?“ Wir einigen uns auf acht. Um die Zeit schlafen wir sonst noch. Die Autorin muss gehen, der Ehemann hat sich am Abend vorher auf der Terrasse bei Glatteis auf die Nase gesetzt. Draußen schneit es. Die Tankwartin packt gerade die Zeitschriften ein. Wieso ein? „Haben Sie schon den neuen Stern?“, fragt die Autorin. „Heute gar nicht“, sagt die Tankwartin, „wir packen gerade ein, bei uns wird umgebaut.“ Folter!
Hat die Tankwartin gesehen, dass die Autorin fast geheult hätte? Sie sagt: „Moment mal“, geht nach hinten und man hört, wie sie in mehreren Kisten wühlt. Die Autorin trampelt von einem Fuß auf den anderen. Nach gefühlten zwei Stunden kommt die Tankwartin mit einem Exemplar vom Stern aus den Tiefen ihres Lagers hervor. Die Tankwartin entgeht nur knapp einem herzhaften Knutscher. Noch beim Bezahlen öffnet die Autorin das Inhaltsverzeichnis. Zitternde Finger. Laut pochendes Herz. Es ist drin. Sie sieht den Namen: Nika Lubitsch. Sie guckt auf die Seitenzahl und staunt. Sie fängt an zu lesen, während sie durch den fallenden Schnee stapft. Als sie an ihrem Haus ankommt, hat sie gerade mal die erste Spalte geschafft. Sie klingelt. Zum Aufschließen hat sie keine Zeit. „Warum hast du nicht zwei Exemplare gekauft?“ Der Mann kriegt keine Antwort, die Autorin legt den Artikel auf den Tisch, der Mann schaut ihr über die Schulter. Wow! An Arbeit ist an diesem Tag in Berlin-Zehlendorf nicht mehr zu denken. Wohin mit sich, mit der Überwältigung, mit der Freude, mit der Begeisterung, mit der Dankbarkeit. Es ist schon so, erst wenn man etwas schwarz auf weiß sieht, glaubt man es. Es ist, als ob die letzten Monate zum ersten Mal real geworden sind. Nika im Wunderland. Sterntaler.

11 thoughts on “Sterntaler: Ganz und gar nicht grimmig

  1. Endlich gibt es mal etwas Gegenwind für Verlage, die das Buchgeschäft noch nicht begriffen haben. Der neue Markt wird die fortspülen, die arrogant so weitermachen wie bisher.

  2. Hab den Stern heute abgeholt und gelesen :-). Toller Artikel. Herzlichen Glückwunsch zum amazon-Vertrag Nika. Ich freu mich riesig für Dich und freue mich schon auf Dein nächstes Werk. Lg Marah

  3. amazon Vertrag? schau, guck, wo? So weit sind wir noch nicht. Danke für Deine lieben Wünsche Marah Woolf, Du bist ja gleich mit mehreren Titeln in den Top 100 und in der Top 10. Herzlichen Glückwunsch dazu!

  4. Ich habe das doch tatsächlich so aus dem Artikel rausgelesen :-). Jetzt bin ich aber ehrlich froh, dass ich erst mit 37 angefangen habe zu schreiben und als ich 40 wurde, amazon am Autorenhimmel auftauchte :-). Da habe ich deutlich weniger Ärger mit den alten Männer in den Verlagshäusern gehabt. Lg Marah

  5. Liebe Nika,
    Der Stern-Artikel hat nich neugierig gemacht,- auf Dein Buch und auf Dich.. Als begeisterte Leseratte kenne ich die Bestsellerlisten, bin da aber eher skeptisch.
    Was soll ich sagen, Dein Buch ist Klasse, ich habe es in einem Rutsch durchgelesen und freue mich auf alles, was da (hoffentlich) demnächst noch von Dir kommt.
    Deine Geschichte mutet an wie ein modernes Märchen, ich freue mich aufrichtig für Dich…..
    Liebe Grüsse
    Veronika

  6. Liebe Nika,
    vielleicht bin ich ein bisschen blind, aber ich habe keine Angabe gefunden, in welcher Stern-Ausgabe der Artikel drin ist. Ich bin sehr neugierig auf den Artikel geworden und möchte ihn auch noch lesen – könntest du mir kurz schreiben, in welcher Stern-Ausgabe er erschienen ist? Vielen Dank und liebe Grüße
    Halo

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