Nachlese: Aus dem Messeleben eines Selfpublishers

Buchmessen deprimieren mich. Hundertausende Bücher rufen mir zu: Kauf mich! Bitte, bitte, kauf mich! Und nichts braucht man auf einer Buchmesse weniger als Autoren: Hier ist die Branche unter sich, hier werden Verlagsjobs gedealt, die Gerüchteküche brodelt, Ehen werden angebahnt und zerstört, hier feiert sich die Verlagswelt selbst. Das Ganze wird dann nach außen mit ein paar Bestseller-Autoren getarnt, man braucht schließlich ein Alibi.
Das weiß ich nicht erst seit gestern, sondern schon seit zehn Jahren. Nach meinem ersten Auftritt auf der Leipziger Messe als Verlagsautorin hatte ich mir geschworen: Nie, nie wieder!

Aber als Selfpublisher muss man natürlich ran, schließlich ist man seine eigene Marketingabteilung. Dass man dafür ein stabiles Selbstbewusstsein und gute Nerven braucht, war mir also klar. Aber dieses Mal war wirklich der Wurm drin. Der fing breits im Flugzeug an zu nagen. Ich schaute auf meinen Arm und sah nichts. Hatte ich nicht ein Armband umgebunden? Beim Aussteigen fand ich es dann, es lag unter meinem Sitz. Ein schlechtes Omen? Was ich nicht fand, war mein Koffer auf dem Laufband. Ich nehme normalerweise immer meine wichtigsten Sachen im Boardcase mit, aber diesmal war mein Boardcase mit Give-aways volklgestopft. Also kein Koffer. Kamm und Zahnbürste kriegt man ja noch im Hotel. Aber keine Abschminke, kein Make-up-Kit, keinen Schlafanzug, keine Wäsche zum Wechseln. Das Zimmer ist natürlich erst um 15.00 Uhr frei. Aber ich muss um 14.00 Uhr bei Kobo mit Emily Bold talken. Das ist jetzt auch egal, denn umziehen und ordentlich schminken kann ich mich eh nicht. Und aufgefallen wäre das sowieso niemandem, denn Emily und ich unterhalten uns zwar ganz prächtig, während Camille Mofidi Fragen stellt, aber außer Camille hört uns keiner zu. Ich gucke auf den Beamer über uns, Hauptsache der Name ist richtig geschrieben. Warum wir zwei Stunden auf Englisch talken mussten, hat sich mir nicht erschlossen, aber Camille ist nett und meine taffe Kollegin Emily Bold mag ich sehr.
Messe Frankfurt 004 (2)Mit Emily Bold und Camille Modifi

Auf in die Selfpublishinghalle 3.1 Auf dem Weg dahin treffe ich auf Helmut Kohl, warum, so frage ich mich, tut der Mann sich das an. Er kann kaum in seinem Rollstuhl sitzen, jedes Wort ist eine Anstrengung, auch für die Zuhörer. Da fällt mir jemand um den Hals: meine Kollegin Katia Fox. Wir kennen uns noch aus unseren gemeinsamen fiction-writing-Zeiten, lang, lang ist es her. Bevor ich zu dem mvg-Empfang gehe, treffe ich noch zufällig auf Johannes Zum Winkel, er lädt mich zu einer Selters ein und ich freue mich, ihn endlich auch einmal zu sehen, nachdem wir mehr als zwei Jahre zusammenarbeiten. Dann aber husch, husch zum mvg-Empfang, ich muss mich noch bei Sigrid Klemt bedanken, dass sie „Das 2. Gesicht“ kurzfristig wieder aus dem Verkauf herausgenommen hat, damit es bei Kindle Unlimited mitmachen kann. Den mvg-Empfang verlasse ich früh, hier dreht sich alles um eine Frau, die mal ein Mann war. Wer ist die Zielgruppe für solche Bücher, frage ich mich.

Ich muss im Hotel schauen, ob mein Koffer schon geliefert wurde. Wurde er nicht. Auf dem von Air Berlin mitgegebenen Zettel steht eine Telefonnummer, die man angeblich von 7.00 bis 21.00 Uhr erreichen kann. Es ist kurz vor 19 Uhr, es läuft eine Bandansage, dass man außerhalb der Geschäftszeiten anrufe. Ich versuche es per Internet. Die Webseite schüttelt den Kopf, Verlustmeldungsnummer und Name unbekannt. Statt Party ist bei mir jetzt Schnitzel auf dem Zimmer angesagt. Der Schreck kommt allerdings um Mitternacht: Durch diese Matratzen haben sich bestimmt zwanzig Jahre Buchmesse gevögelt! Am nächsten Morgen werde ich bereits um kurz nach sechs wach. Ein Blick in den Spiegel offenbart das Grauen. Ich sehe mangels Augenmake-up-Entferner aus wie eine Eule, es gibt nicht mal eine Bodylotion als Notbehelf in der Bude. Die Augen schrubbe ich mit Duschgel, sie sind sowieso rot, und die Augentropfen im Koffer. Ich erkläre meine Frisur umgehend zum angesagten Out of bed-look und begebe mich in den Frühstücksraum, in der Hoffnung, dass ich niemanden treffe. Um Punkt sieben bin ich unbehelligt wieder in meinem Zimmer. Der Anrufbeantworter des Gepäckservices von Air Berlin teilt mir mit, dass ich außerhalb der Geschäftszeiten anrufe, man sei ab 9.00 Uhr erreichbar. Wie gut, dass ich am Donnerstag erst ab 17.00 Uhr im Einsatz bin, bis dahin kann ich noch ein wenig arbeiten. Ich lasse mich in den Lehnstuhl im Zimmer fallen und falle um, ein Bein ist nur lose hineingesteckt. Mein Liebster teilt mir mit, dass zu Hause das W-Lan ausgefallen ist. Der Kindle-Deal funktioniert bei meinem neuen Buch auch nicht so richtig, man sieht nicht mal, dass es überhaupt einen Kindle-Deal zur Buchmesse gibt. Aus dem Badezimmer im Martim stinkt es nach jahrelang nicht benutzten Abflüssen, das wird allerdings auch nicht besser, als ich endlich um halb zwei meinen Koffer bekomme und nun duschen kann. Verdammt, klappt denn hier gar nichts?

Ich komme mir vor wie Sherlock Holmes mit der Lupe bei der Suche nach dem Stand von Amazon. Als ich den endlich gefunden habe, bin ich echt sauer. Meine lieben Kollegen lächeln mich als Standdeko an, nur mein Foto ist nicht dabei. Egal, sage ich mir, diesen Stand sieht sowieso keiner. Dann aber: Auf zum Deutschlandradio, ich darf mal wieder zum Thema Amazon meinen Senf dazu geben. Innerlich bin ich eingestellt auf Amazon-Bashing, mit meinen Mittalker Tobias Kiwitt habe ich mich bereits im letzten Jahr trefflich gestritten. Aber es wird dann doch nicht so schlimm mit dem Bashing, dank so vernünftiger, besonnener Menschen wie Stephan Joß vom Hanser Verlag, dem Blogger Stefan Mesch und Nicola Richter von Mikrotext. In einer Stunde kann man sich eben auch ein wenig differenzierter ausdrücken als in 2:30 Minutenbeiträgen. Erstaunlicherweise übernehmen mehrere Zeitungen Zitate aus der Sendung, die am Freitag ausgestrahlt wird.

Am Abend dann das erste“Klassentreffen“. Taxis sind Mangelware und so laufe ich mit Matthias Matting und Michael Meisheit durch den Frankfurter Nieselregen. Das Styling ist hin, als wir endlich das asiatische Restaurant gefunden haben, aber dafür ist die halbe Klasse schon da: Poppy J. Anderson mit ihrer Freundin, die brav den ganzen Tag einen Football als Kopf getragen hat, Hannah Kaiser, David Gray und Kirsten Wendt, die gerade von einem Rendevous mit dem Diät-Papst Pierre Dukan kam. Kurz darauf stoßen noch Katrin Koppold und Marah Woolf zu uns. An diesem Abend haben wir alle gute Laune und viel Spaß, es wird geschnattert wie am Ententeich.

Am Freitag ist dann schon wieder Business as usual angesagt. Nach dem Frühstück, bei dem ich meine lieben Kolleginnen Elke Bergsma und Astrid Korten treffe, gibt es eine kleine Talkrunde mit Marlene Schöllhuber, Marah Woolf und Emily Bold in der Selfpublishing Area, anschließend bittet kdp zum Kamerainterview. Ich verlache die halbe Nummer, weil mir auf die Frage, wie ich denn Werbung mache, nur einfällt: „auf facebook, auf facebook und äh, auf facebook“. Ich hoffe, dass man meine Lachsalven nicht mit dem Satz unterlegt: kdp-Autoren haben gut lachen…

Am Abend dann die große Runde in einem Restaurant, das wir fast für uns haben, was uns hätte stutzig werden lassen. Inzwischen sind Barbara und Christian Schiller zu uns gestoßen, Alexandra Amber, Cathrine Shepard und Hanni Münzer, während die Romance-Mädels eine eigene Lesung organisiert haben. Nachdem ich mir eine Maggi-Suppe und ein paniertes Stück Schinken reingewürgt habe, ist mir echt schlecht, ich verlasse die nette Runde daher bereits um elf Uhr mit Hanni Münzer, der das Essen auch irgendwie auf den Magen geschlagen war. Wir sind alle gespannt auf den Samstag, denn da gibt es das große Meet & Greet, das wir lange vorbereitet haben, wobei die Lorbeeren hier hauptsächlich an Marah Woolf gehen, die
den Einpeitscher gespielt hat.

straßefrankfurtBestsellerautoren sitzen auf der Straße

Solche Veranstaltungen sind nicht so mein Ding und das Ding meiner Leser sowieso nicht. Wir treffen uns alle um 17.00 Uhr vor dem großen Zelt zwischen den Hallen, aber es läuft ein wenig anders als geplant. Das Zelt ist voller Menschen, die dort sitzen und ihre Beine ausruhen, wir haben keinen Platz zum Packen unserer hübschen Taschen. Also bilden wir einen Kreis, hocken uns auf die Erde und befüllen die liebevoll gestalteten Beutel mit unseren Give aways. Das geht nicht so schnell wie gedacht, denn meine Kolleginnen haben massenweise Autogrammkarten und Lesezeichen dabei, so dass wir in einer halben Stunde nur knapp zweihundert Taschen fertig kriegen. Auf dem Ankündigungsschild der Messe entdecke ich, dass nur die Namen bis H aufgeführt sind, alle anderen werden als u.v.a. geführt. „Ich bin nicht u.v.a.“, sage ich pikiert, pumpe mir einen Edding und schreibe alle unsere Namen auf das Schild. Dabei überlege ich, ob ich nicht die Flucht ergreifen soll. Das wäre auch nicht weiter aufgefallen, ebenso wäre es nicht aufgefallen, wenn alle anderen das Zelt verlassen hätten, die Veranstaltung hätte Poppy J. Anderson alleine gerockt.

moni schreibt„Ich bin nicht u.v.a.“ Foto: David Gray

Wir hatten Ballons besorgt, die wir mit unseren Namen beschriftet hatten, damit man uns in der Menge findet. Mein Ballon war dann aber eher ein Longseller, der nicht steigen wollte, was er mit meinem neuen Buch „Sommernachtsmord“ gemein hatte. Also beschränkte ich mich darauf, meine Kugelschreiber unter die Leute zu jubeln und am Ende einen Gewinner zu ziehen. Fazit: Krimiautoren brauchen etwas anderes als ein Meet & Greet. Wir haben bereits am gleichen Abend angefangen zu arbeiten, nach der Messe ist vor der Messe und bereits jetzt glühen die Drähte für die Vorbereitungen für Leipzig.

Am Abend dann Abgesang in der Sportsbar vom Marriot. Wir sitzen auf viel zu hohen Barhockern für viel zu kleine Leute, das modische Fingerfood besteht aus widerlich süßen Chicken Wings, Zwiebelringen und Miniburgern und liegt nicht nur Barbara Schiller und Hanni Münzer im Magen. Darauf einen Dornkaat, es können auch zwei, drei oder vier gewesen sein, es war nett mit Euch, liebe Kollegen und so ist es zwei Uhr, als ich endlich in mein Bett falle.

Am Sonntagmorgen mag ich mein Frühstück nicht, die Brötchen waren schon in der Woche pappig, aber heute sind sie ungenießbar. Ich lasse das Brötchen angebissen stehen und entschließe mich, die Zeit bis zum Heimflug in der Sushibar zu überbrücken, ich muss endlich mal etwas Vernünftiges essen. Die Sushibar ist geschlossen und der Mann an der Rezeption teilt mir mit, dass man mir nicht den vollen Preis im Februar von meiner Kreditkarte abgebucht habe, sondern 219 Euro zu wenig. Selbstverständlich habe ich meine Kreditkartenbelege vom Februar in der Tasche. Ich wühle mitten in der Hotelhalle in meinem Koffer, da habe ich wenigstens eine eMail-Bestätigung, dass ich bezahlt habe. Jetzt bin ich echt sauer. Und mir fällt ein, dass ich mein Kopfkissen mit der Zauberfüllung, nach dem ich monatelang in den USA gesucht hatte, im Zimmer habe liegen lassen. Leider findet es sich nicht an, der Room Service hat es wohl mit in die Wäsche gegeben. Ich schüttle nur noch den Kopf, der Kissenbezug war quietschgelb!
Ich falle aufatmend ins Taxi, froh, diese ungastliche Stätte verlassen zu können. Am Flughafen lauert der nächste Schock: Ich fliege mit einer zweimotorigen Propeller-Maschine nach Berlin. So etwas habe ich wohl das letzte Mal in den 70er Jahren bestiegen, da ging es aber von einem Feldflughafen nach Tempelhof. Als ich endlich zu Hause in Berlin bin, teilt mir mein Mann mit, dass das Fernsehen jetzt auch ausgefallen sei. Nika im Würmerland.

Messe Frankfurt 002

12 thoughts on “Nachlese: Aus dem Messeleben eines Selfpublishers

  1. Ach du Arme! Wie gut ich deine Abneigung für Messen verstehen kann! Verlorene Koffer, Milben in durchgelegen Matratzen, angeschwollene Beine, Rückenschmerzen, Verstopfung oder Durchfall u.v.m. Nach jedem, aus beruflichen Gründen verpflichtenden, Messebesuch, lege ich jedes Mal erneut das Versprechen ab, es nie wieder zu tun. 😉
    Hoffentlich hat sich für dich die FBM (retrospektiv in einigen Wochen) zumindest gelohnt!

  2. Hat sich die Mühe denn irgendwie gelohnt? In Verkäufen, Kontakten oder irgendwas anderem?
    Ich frag mich ja schon ewig, ob Messen den Aufwand wirklich wert sind (nicht nur was Bücher angeht).

  3. einige Ihrer „LetztenGläser“ habe ich gelesen und frage mich nun: macht es Sie glücklich, so vieles nur von der negativen Seite zu betrachten und dies Betrachtungsweise auch ausgiebig auszuschlachten.
    Wäre ja schön, auch mal was aus der Freudeecke zu lesen!

  4. Barbara, ich habe 23 Jahre die Pressestelle der deutschen Halle auf der Grünen Woche geleitet, 8 Jahre eine Halle auf der Funkausstellung betreut und ungefähr 30 Cebits, Hannovermessen und sogar eine Messe in Mexiko als PR-Tante für Berlin/Brandenburg unsicher gemacht. Ich hasse alle Messen, aber auf denen früher, da musste ich ja nur meine Kunden verkaufen und nicht mich selbst.

  5. Was für ein Bericht, liebe Kollegin!

    Danach freue ich mich doppelt, dass ich nach bald 40 Messe-Pflichtjahren in Frankfurt in meiner Höhle geblieben bin statt in der Messehölle zu phantasieren, die Welt warte auf mich … wobei auf der anderen Seite ein gemeinsames Glas nicht zu verachten ist.

    Vielleicht 2015 in Leipzig – oder hast du das Näschen endgültig voll?

  6. Ach, Moni, der Bericht ist herrlich! Und Rendezvous mit Franzosen sind auch nichts als heiße Luft – typisch! Freu mich auf unser nächstes Klassentreffen, alles Liebe von Kirsten.

  7. * Hah Nika* …so, oder so ähnlich dacht ich’s mir.

    Deshalb auch die Einladung in den betulich beruhigenden Rheingau. Wahrscheinlich wäre dir das vorgekommen wie Vollbremsung von 220 auf ne 30er Zone…. ?

    … und diese plötzliche Stille wäre irgendwas zwischen „mörderisch bis unerträglich“ ?

    Schmunzelnde Grüße

    Stefan Bee 🙂

  8. Ein toller Bericht, liebe Moni! Ich habe mich köstlich amüsiert, obwohl Du so viel Pech hattest. Aber Dein Schreibstil hat alle schlechten Erfahrungen wieder wettgemacht 🙂 Bravo, und weiterhin alles Gute für Dich wünscht Dir Ursula, die immer noch schmunzelt.

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